Bens Anfänger-Tipp: Begreife Foto und Film als KUNST.

Oder: Verlasse deine visuelle und auditive Komfort-Zone!

In meinem analogen Kurs rede ich lang und breit über analog vs digital und darüber, warum und wann es Sinn macht, auf Film zu shooten. Das Medium Fotografie kann ja rein deskriptiv genutzt werden, um etwas zu zeigen: Madonna scheißt in den Nachbarsgarten.
Um diese Information zu überliefern, reicht ein digitales Foto. Klaro! Sogar ein ziemlich mieses Handyfoto würde reichen, um zu zeigen, worauf es ankommt: Madonna hockt bei Steven Spielberg im Garten und kackt für zwei. In dem Moment, wo es nicht mehr darauf ankommt, eine reine Information zu vermitteln, die egal von wem fotografiert, das gleiche transportiert, wird es spannend. Wenn jemand eine GEFÜHL vermitteln will, das jeweilige Medium nutzt, um eine EIGENE SPRACHE ZU SPRECHEN. Denn eine Foto kann ja mehr, als nur etwas zeigen, dass alle gleich verstehen. Das Bespiel mit Madonna bietet ja nicht viel Interpretationsspielraum.
Ein unscharfes Foto, mit hellen und dunklen Bereichen, einer schemenhaften Figur, gibt dem Betrachter die Möglichkeit, verschiedene Dinge zu sehen und zu FÜHLEN. Manche haben das Gefühl, die schemenhafte Figur sei traurig, manche empfinden sie als bedrohlich, manche sehen überhaupt keine Figur.

Ein Gast fragt auf einer Vernissage den Kurator: “Sagen Sie mal, was ist eigentlich Kunst? Was macht sie aus?” Und der Kurator sagt. “So lange das Bild mich etwas fühlen lässt, sei es Freude, Verwunderung oder auch Abscheu oder komplettes Unverständnis – ist es Kunst. Auch wenn ich mich darüber aufrege, dass dies jetzt Kunst sein soll. So lange es mich etwas fühlen lässt. Wenn es mich komplett kalt lässt, kann ich es auch von der Wand nehmen.”

Man muss Kunst, egal in welcher Form, nicht zwangsläufig verstehen. Und viel wichtiger: sie muss nicht unseren Erwartung an die Realität entsprechen. Das unterstreichen ja Surrealisten mit ihrer Arbeit. Picasso konnte als Kind schon unfassbar real und plastisch zeichnen. Und doch entscheidet sich der Mann die Nase am Hinterkopf und noch ein drittes Bein dazu zu malen. Weil Gefühle nicht an unsere gut verdauliche, einfach zu verstehende Realität gekoppelt sind.

Nehmen wir mal David Lynch. Für viele, wie auch mich, ein Meisterregisseur und Storyteller. Wie viele Menschen habe ich letztes Jahr schreien und stöhnen hören, als die 3. Staffel TWIN PEAKS erschienen ist. Von “der will uns doch komplett verarschen” bis “das macht alles keinen Sinn” habe ich unzählige Male in meiner Facebook-Timeline lesen müssen. Dabei war es in Wahrheit (meiner Wahrheit) das Ereignis des Jahres. Das Beste überhaupt. Die einzige Serie, die dir den Kopf zerbrochen hat und man noch drei Tage später drüber grübeln musste. Natürlich ganz anders, als jede sonstige Weißbrot-Serie, die bei Netflix und Co. läuft und bei der man nicht sonderlich nach- und mitdenken muss.
David Lynch, der das Medium Film als Kunst versteht, kann einem die Augen für so etwas öffnen.

Jan Schlüter hat es hier ganz schön in Worte gefasst: HIER LESEN!
Und für diejenigen, die es bis heute nicht verstanden haben, eine ganz gute Erklärung: HIER LESEN!

Mein Tipp: guckt ab und zu mal in Serien und Filme wie TWIN PEAKS, MULLHOLLAND DRIVE, LOST HIGHWAY und Co. rein, um nicht zu vergessen, dass es um mehr gehen kann, als nur eine scheißende Madonna.

Die meisten von uns (Nazis, Tierquäler und andere Arschlöcher ausgenommen) wollen emphatisch leben, in einem Leben voller Gefühle, von wunderbar bis ganz schlecht (damit man die guten zu schätzen weiß), nur wird diese Talfahrt der Gefühle selten genutzt, wenn es um den Konsum von Popkultur geht. Geht ruhig mal öfters dahin, wo es weh tut. Stoßt die Tür auf!

<3 Ben

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Ben Bernschneider